Sonntag, 21. August 2016

Jetzt spinnt sie!

Hallo zusammen!

Der Titel verrät schon einiges.
Ich bin grade total auf dem Wolltripp, Wolloholiker sozusagen.
Jeden Tag entdecke ich mindestens 3 Projekte, die ich unbedingt machen will und stelle immer wieder fest, dass ich leider nicht einmal halbsoschnell stricken kann, wie ich gerne würde. Außerdem kann ich nicht mal ein Zehntel so schnell stricken, wie ich stricken müsste, um alle Ideen abzuarbeiten in einem Menscheneben.
Geht's euch vielleicht manchmal auch so?

Zudem habe ich mich nun schon einige Zeit damit beschäftigt, wie Wolle eigentlich hergestellt wird. Also wie die Wolle vom Schaf auf's Knäuel kommt. Von der Rohwolle zum Handstrickgarn.
Und weil ich so ein Wolloholiker bin, dachte ich mir: das wird gleich ausprobiert!

Also einige Zeit über Spinnräder gelesen und entschieden, dass mein Traumrad (ein Kromski) für den studentischen Anfängergeldbeutel absolut untauglich ist. Auch gebrauchte Modelle sind für mich derzeit unerschwinglich, habe ich doch ein kleines Vermögen in Handstrickgarne investiert!
Folglich habe ich einige Tage auf den einschlägigen Internetseiten, auf denen man gebrauchte Gegenstände erwerben kann, gestöbert. Immer mal wieder reingeschaut, sogar auf niederländischen Seiten. Dort gab es vor einigen Jahren einen Handarbeitshype, und alle, die sich entschieden haben, dass sie sich nicht dauerhaft mit der Herstellung von Strickgarnen beschäftigen möchten, verkaufen nun ihre Spinnräder und Zubehör. Es lohnt sich also durchaus, auch im grenznahen Ausland nach Spinnrädern und Zubehör zu stöbern.
Schließlich wurde ich doch auf einer deutschen Seite fündig. Eine Dame verkaufte ihr Kircher-Spinnrad wegen Umzug. Und das zu einem wirklich anständigen, anfängertauglichen Preis.
Ich habe sie sofort angeschrieben und das gute Stück war keine 4 Tage später bei mir zu Hause. :)
Welch eine Freude! Mein erstes eigenes Spinnrad!




Ausgepackt wurde es bei traumhaftem Sonnenschein, nach dem Samstagsfrühstück auf der Terrasse.
Natürlich hatte ich auch Spinnfasern, also bereits gewaschene und kardierte Wolle bestellt.
Weil ich testen möchte, welche Wolle sich wie anfasst und verarbeiten lässt, habe ich 7 (sieben!!) verschiedene Sorten genommen, á 100g.

Voll ausgestattet bin ich frohen Mutes ans Spinnrad und habe ausprobiert. Aber irgendwie funktionierte es nicht. Weder Spule, noch Flügel wollten sich drehen. :(
Nach einigem Begutachten kam ich zu dem Schluss, dass der Treibriemen wohl überaltert sein müsse. Das Rad ist ca so alt wie ich und falls es noch der Original-Riemen war, ist das ja auch kein Wunder, dass es nicht läuft.
Schweren Herzens musste ich also die Spinn-Aktion verschieben und erst mal einen Riemen bestellen. Meine Anfrage bei der Firma Kircher  wurde promt (am Samstag Abend, nach 22:00 Uhr) beantwortet. Die Riemen des neuen Modells passen auch auf das Vorgängermodell!


Als endlich, 3 Tage später, der ersehnte neue Riemen eintraf, konnte ich gleich sehen, warum es mit dem alten nicht funktioniert hatte. Der neue Riemen ist elastisch und sitzt mit guter Spannung auf Schwungrad und Wirtel. Der alte war bretthart, hatte überhaupt keine Elastizität mehr und saß so locker, dass er immer vom Wirtel herunter sprang; es fehlte also auch die nötige Spannung um die Drehung des Rades auf den Wirtel und somit auf Spule und Flügel zu übertragen.

Obwohl ich an diesem Tag bereits um 4:00 aufgestanden war, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, am Nachmittag dann noch eine Schulung hatte und erst gegen 22:00 Uhr endlich zu Hause war, startete ich meine ersten Versuche. Ich war hundemüde, aber ich konnte es einfach nicht erwarten, endlich meine erste Wolle zu spinnen!

Das mit der Wollaufnahme war eine kleine Fummelei, aber nachdem das Rad halbwegs einzog, ging es doch fürs erste Mal nicht schlecht. Die Auge-Hand-Fuß-Koordination braucht noch ein bisschen Übung, aber ich habe schon schön dünnes Garn hinbekommen.
Leider musste ich jedoch feststelen, dass die Flügelbremse des Rades irgendwie nicht anständig funktioniert. Ich kann sie feststellen, sodass sich der Einzug erhöht, mir die Spule also das Garn schneller abnimmt und nicht zu viel Drall, sprich Drehung, in den Faden kommt und er sich zu Knötchen aufwickelt.
Sobald ich jedoch den Stellhebel der Flügelbremse loslasse, geht der Einzug wieder auf Null, das Rad zieht keinen Zentimeter mehr ein und es gibt im gedrehten Garn dicke Knubbel.
Nach 20 Minuten habe ich dann völlig übermüdet abgebrochen und habe ich über das Problem mit der Flügelbremse nachgedacht. Ein paar Dutzend Zentimeter "schwangere Regenwürmer" hat es jedoch gegeben....



Inzwischen, mein erster Spinnversuch ist schon 10 Tage her, habe ich eine Lösung für die Flügelbremse gefunden. Ich muss den Faden der Flügelbremse mit der Drehrichtung des Wirtels über den Flügel legen. So "zieht" die Drehung den Faden immer fest, satt ihn, wenn er entgegen der Drehrichtung liegt, zu lockern.
Also gleich nochmal versucht und innerhalb von 2 Stunden ca 100g Eiderwolle versponnen. 
Ich bin mit dem Ergebnis -fürs erste richtige Mal- schon recht zufrieden, auch wenn noch deutlich Luft nach oben ist. Drall und Dicke des Garns sind eher unregelmäßig geworden, aber es hat ohne größere Probleme geklappt.





Nach meinem Urlaub werde ich mir noch zwei weitere Spulen bei Kircher bestellen (die neuen passen auch aufs alte Rad) und dann das erste selbstgesponnene Garn mit einem farbig abgesetzten Faden verzwirnen. Bin schon gespannt, wie das wird und wie sich meine Spinn"künste" im Laufe der Zeit entwickeln.


Zum Thema "Rohwolle bearbeiten" werde ich demnächst auch über meine Erfahrungen berichten. Ich bin in manchen Dingen von der Fraktion "ganz oder gar nicht" und habe mir natürlich gleich 2 frisch geschorene Rohwoll-Vliese von alten  Schafrassen besorgt, die so kaum noch als Nutztiere gehalten werden, sondern nur bei vereinzelten Liebhabern zu finden sind, oder bei Schutzprojekten, die sich für den Erhalt von alten Nutztierrassen einsetzen. Wie es mir dabei ergangen ist, könnt ihr demnächst hier lesen.
Bis dahin wird erst mal weiter gestrickt.

Liebe Grüße
Stardy